Pretotyping mit verschiedenen Arten von MVPs
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Pretotyping mit verschiedenen Arten von MVPs

23.09.2021 Posted 4 Wochen ago Timothy Krechel

In einem vorherigen Blogartikel ging es darum, wie wir mit der richtigen Wahl einer ersten Produktversion möglichst schlank die wichtigsten Hypothesen testen können (dabei wurde der Begriff Produkt sehr breit ausgelegt). Es gibt neben dem dort erwähnten Fake-Door-MVP aber noch andere Möglichkeiten der Produktumsetzung, auf die ich in diesem Artikel näher eingehen möchte.

Der Klassiker: MVP

Der Begriff Minimum Viable Product gehört mittlerweile fest zum Wortschatz von Produktverantwortlichen. Mein etwas subjektiver Eindruck ist, dass er häufig Synonym mit dem des Prototypen oder einer abgespeckten Variante einer größeren Produktvision verwendet wird. Das hat den Vorteil, dass sich sowohl der Entwicklungsaufwand als auch die Zeit bis zu einem ersten Go-Live verringern.
Dieses Verständnis von MVPs ist aber aus zwei Gründen nicht ganz optimal, denn erstens können auch abgespeckte Varianten während der Umsetzung an Featuritis erkranken und zweitens sind auch sie schnell ein recht teures Experiment, um Nachfrage am Markt zu verproben.

Enter Pretotyping

Prototypen und MVPs sind im besten Fall jedoch eines von mehreren Werkzeugen in unserem Werkzeugkasten, um Hypothesen und Ideen in der realen Welt zu testen. Dafür braucht es aber ein erweitertes Verständnis des MVP-Begriffs. Ein MVP sollte eine erste Version des Produkts sein, das mit gerade genug Funktionalität auf den Markt geworfen werden kann, um für solche Tests nützlich zu sein.

Produktideen so schnell und so günstig wie möglich zu testen und deren Nachfrage und Nutzung anhand von stark vereinfachten Versionen zu verproben, wird oftmals auch als Pretotyping bezeichnet. Der Begriff Pretotyping zielt vor allem darauf ab, Produkteigenschaften und Funktionalität lediglich zu simulieren und das Verhältnis von Aufwand zu Erkenntnisgewinn in möglichst optimal zu gestalten. Die Rückmeldung zu einem solchen Prätotyp soll so innerhalb kürzester Zeit (eher Stunden als Wochen) erfolgen und in den Lernprozess mit einfließen, um das richtige Produkt zu entwickeln. Im Sinne von “fail fast” sollen Erkenntnisse über den potenziellen Markterfolg einer Idee gesammelt werden, bevor zu viel in die Idee investiert wurde.
Die Begriffe MVP und Pretotyping werden nicht immer ganz Trennscharf verwendet: Beispielsweise haben sich auch die Begriffe “MVP to learn” und “MVP to earn” herausgebildet. Klassischerweise hat ein MVP eine bestimmte kleinstmögliche Kernfunktionalität und zielt auf eine Verkürzung der Time-to-Market ab, während Pretotyping lediglich Funktionalitäten vorgaukelt. Mit einem erweiterten MVP-Begriff, der auch solche Experimente umfasst, möchte ich bewusst die Assoziation verankern, dass je nach Kontext beliebig schlank Hypothesen getestet werden können.

Alles geht

Ein MVP nach diesem Verständnis kann dabei von Zeichnungen auf Papier (LoFi-Prototypen) zu einem benutzbaren Produkt (HiFi-Prototypen) alles sein. Wichtig ist, dass die Wahl des MVPs zu seinem Zweck (earn vs. learn) passt. Mittlerweile haben sich in Theorie und Praxis mehrere abgrenzbare Typen von MVPs ergeben, durch die ich im Folgenden kurz durchführen möchte.
Hauptsächlich dienen diese Arten von MVPs dem Zweck, Nachfrage zu testen. Teilweise können sie aber auch (insbesondere z.B. ein Fake Door MVP) dazu verwendet werden, mit der Kundenansprache zu experimentieren und ein Gefühl für Metriken wie Akquise und Conversion zu bekommen oder um UX-Feedback zu erfragen.
Diese Übersicht soll außerdem lediglich Orientierung und Inspiration bieten und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ein Experiment sollte letztlich so individuell wie nötig sein, Ansätze mischen und Bestandteile weglassen oder hinzufügen. Alles geht!

Fake Door

Fake Door

Ein Fake-Door-MVP simuliert die Verfügbarkeit eines neuen Produkts oder einer neuen Dienstleistung, jedoch ohne sie dass tatsächlich existiert; mit dem einfachen Ziel, zu testen, ob eine Kundin oder ein Kunde überhaupt Interesse an dem Produkt hat. Es besteht meist einfach aus einer Landing Page, auf der das Produkt beschrieben wird und einem Button, hinter dem ein Bestellprozess simuliert oder das Eintragen auf eine Warteliste ermöglicht wird. Je realitätsnäher die Ausgestaltung, desto aussagekräftiger die Ergebnisse.

Wizard of Oz

Wizard of Oz

Ein Wizard-of-Oz-MVP besteht meist aus einer Front-End-Webseite, die so aussieht und sich so anfühlt wie ein voll funktionsfähiges Online-Produkt; mit dem Twist, dass die dafür notwendige Dienstleistung in Wirklichkeit händisch und nicht automatisiert ausgeführt wird. Je nach Kontext eignen sich dafür Leute aus dem eigenen Team oder das Auslagern an z.B. Amazons Mechanical Turk.

Concierge

Concierge

Auch mit einem Concierge-MVP wird eine Dienstleistung, die später automatisiert werden soll, manuell durchgeführt. In Abgrenzung zum Wizard Of Oz betrifft die händische Ausführung den gesamten Prozess und somit auch das Interface mit der Kundin oder dem Kunden. Der Unterschied besteht also vor allem in der User Experience (verdeckt versus transparent) und der intensiveren Interaktion mit der Zielgruppe. Während beim Wizard of Oz das MVP schlechter performt als das angedachte Produkt (das manuelle Ausführen der Dienstleistung dauert länger), ist die Leistung des Concierge MVP stärker als die des Endprodukts (durch die viel engere Kundenbetreuung).

Fundraiser

Fundraiser

Ein Fundraiser-MVP besteht aus einem kurzen 60- bis 120-sekündigen Produktvideo, mit dem eine Crowdfunding-Kampagne gestartet wird, um das Produkt zu entwickeln.

Stripped Tease

Stripped Ease

Entspricht dem gängigen Verständnis des MVP-Begriffs. Ein Stripped Tease ist eine abgespeckte Variante des eigentlich geplanten Produkts mit limitierter Funktionalität.

Pinocchio

Pinocchio

Ein Pinocchio-MVP ist eine nichtfunktionale Version des Produkts, um Feedback zur Gestaltung und zur Benutzbarkeit zu bekommen.

Pretotyping erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit

Mit der Wahl des richtigen MVP-Typs lassen sich innerhalb kürzester Zeit sehr wertvolle Erkenntnisse über die Erfolgsaussichten einer Produktidee gewinnen. Die Entscheidung ist abhängig von dem bisherigen Kenntnisstand (“Wie validiert ist meine Idee bereits?”, siehe auch den tarent Innovationskompass) und der Beschaffenheit der Idee (Software, physische Dienstleistung, zweiseitiger Markt, etc.). Bei frühen Phasen einer Idee lohnt es sich, zunächst mit z.B. Fake Door oder Fundraiser erste Metriken zur Nachfrage zu sammeln. Erhärtet sich der Verdacht, könnte der nächste Schritt eine Simulation in Form eines Wizard of Oz oder Concierge sein, bevor es mit der Entwicklung des eigentlichen MVPs richtig losgehen soll. Mit diesen schrittweisen Erkenntnissen steigt die Wahrscheinlichkeit, in die richtigen Ideen zu investieren und erfolgreiche Produkte zu entwickeln.

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Timothy Krechel von tarent solutions

Timothy Krechel versetzt mit seiner Erfahrung als ehemaliger Startup-Gründer Innovator*innen in die Lage, ihre wertschöfendsten Ideen schnellstmöglich am Markt zu verproben.

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