Prototype vs. PoC vs. MVP vs. Pretotype
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Prototype vs. PoC vs. MVP vs. Pretotype

30.09.2021 Posted 3 Wochen ago Timothy Krechel

In meinem letzten Post habe ich für eine weite Interpretation des MVP-Begriffs plädiert, um zu verdeutlichen, dass wir die volle Kontrolle über die Schlankheit unserer Produktiterationen haben. Dazu wurden bewusst auch Pretotyping-Ansätze mit in den MVP-Topf geworfen. Auch wenn nicht immer eine ganz saubere Trennung möglich ist, unterscheiden sich Prototyp, Proof of Concept (PoC), MVP und Pretotype vor allem durch die Intention. Wir hatten uns bereits die Intentionen learn und earn im Begriff MVP to learn bzw. MVP to earn angeschaut, jedoch möchte ich in diesem Post auch auf die anderen beiden Ansätze näher angehen.

MVP

Das klassische Minimum Viable Product entspricht dem Stripped Tease MVP in anderen Interpretationen und beschreibt eine abgespeckte Variante der eigentlichen Produktvision. Wahrscheinlich bestimmt letztlich die Zielsetzung darüber, was ein Produkt viable für einen bestimmten Zweck macht. Und die gängigste Interpretation von viable ist, vermarktbar zu sein. Typischerweise ist ein MVP also eine Version eines Produkts, das nur diejenigen Features enthält, die es für seinen Verkauf benötigt.

Der Zweck eines MVPs ist es demnach, eine minimale Version am Markt zu platzieren und – sofern es den Nutzerinnen und Nutzern tatsächlich Wert stiftet – frühzeitig Umsatz zu machen.
Ein MVP schafft also unmittelbar und sofort Wert bei gleichzeitiger Minimierung der Entwicklungskosten. Außerdem lässt sich anhand des Feedbacks die passende Richtung für die kontinuierliche Weiterentwicklung des Produkts ableiten.

Proof of Concept

Anders als bei einem MVP geht es bei einem Proof of Concept (PoC) viel mehr darum, technische Annahmen zu überprüfen, bevor eine größere Investitionssumme in die Entwicklung gesteckt wird. Ein PoC deckt dabei nur einen kleinen Teil des Gesamtsystems ab und geht niemals in den Produktivbetrieb. PoCs bleiben für User also gänzlich unsichtbar. Das Bauen eines Proof of Concept ist allerdings alles andere als Zeitverschwendung, sondern hilft bei der Erkenntnis, ob ein bestimmtes Feature überhaupt umsetzbar ist. Diese Erkenntnis wiederum fungiert im Anschluss als Entscheidungsgrundlage für die Weiterentwicklung des Produkts.

Sowohl MVP als auch PoC sind Vorgehensweisen, um Annahmen über das zu entwickelnde Endprodukt zu testen. Beide helfen bei der Vermeidung von unnötigen Kosten, dienen jedoch unterschiedlichen Zwecken. Wenn Unsicherheit über die Machbarkeit besteht, eignet sich ein Proof of Concept; ein MVP eher nicht.

Prototyp

Die Unterscheidung von Prototyp und Proof of Concept ist gar nicht so leicht und beide Begriffe werden häufig synonym verwendet. Dabei beschreiben die beiden Begriffe jeweils unterschiedliche Dinge. Ein Prototyp ist ein funktionierendes Modell des Produkts, das eine Vielzahl der geplanten Eigenschaften abdeckt. Der Zweck eines Prototypen ist es, einen Gesamteindruck zu bekommen, das Design, die Benutzbarkeit und Funktionalität auf den Prüfstand zu stellen und Produktentscheidungen abzuleiten. Ein Proof of Concept ist im Vergleich dazu deutlich schmaler, bezieht sich nur auf einzelne Aspekte und bietet nicht die selbe Entscheidungsgrundlage wie ein Prototyp.

Ein Prototyp findet also vor allem dann Anwendung, wenn Unsicherheit in Bezug auf Aussehen, Benutzbarkeit und Funktionalität der angestrebten Lösung besteht.

Pretotype

Pretotype ist ein von Alberto Savoia geprägter Begriff, der sich aus dem längeren Pretendotype ergab. Eine passende deutsche Übersetzung wäre wohl Prätotyp, wobei zumindest der ursprüngliche Wortsinn des Vortäuschens (engl. pretend) verloren ginge und nur die Vorsilbe prä- (engl. pre-) eine zeitliche Rangfolge ausdrückte.

Ein Pretotype soll vor allem sicherstellen, dass die richtigen Produkte umgesetzt werden. Und zwar bevor wertvolle Zeit in die richtige Umsetzung fließt. Kern dieser Denkweise ist das mentale Modell, dass die meisten neuen Produkte trotz kompetenter Ausführung am Markt scheitern werden. Bei einem Pretotype werden quantitative Daten durch Experimente gesammelt, die eine Hypothese entweder bestätigen oder entkräften sollen. So eine Hypothese enthält in der Regel eine Aussage über den Absatz eines Produkts in einer bestimmten Gruppe.

Das Ziel ist es, das Endprodukt mit einem Aufwand von null oder nahe null möglichst aussagekräftig zu simulieren. Das kann beispielsweise über das Sammeln von E-Mail-Adressen über eine Landing Page zu einem nicht existierenden Produkt geschehen (sog. Fake Door, im letzten Post habe ich noch andere Möglichkeiten aufgezählt). Pretotyping-Experimente sind darauf ausgelegt, innerhalb von wenigen Stunden oder Tagen Daten zur Nachfrage des Produkts zu generieren. Sie schaffen so die Entscheidungsgrundlage für die Anpassung (tweak), Umsetzung (build) oder Aufgabe (abandon) der Produktidee.

Ein Pretotype widmet sich also einem gänzlich anderen Problem als ein Prototyp und kommt in einer früheren Phase zum Einsatz.

Das Risiko entscheidet: MVPs und Pretotyping bei unsicherer Nachfrage, PoCs und Prototyping bei unsicherer Umsetzung

Aus diesen Beschreibungen geht vor allem eines hervor: Mit den verschiedenen Vorgehensweisen sollen vor allem Risiken gesenkt werden. Meiner Auffassung nach lassen sich dabei zwei Risiken unterscheiden: Das Marktrisiko (mit der Frage: Können wir das richtige Produkt umsetzen?) und das Produktrisiko (mit der Frage: Können wir das Produkt richtig umsetzen?). Prototypen und Proof of Concepts dienen primär der Reduzierung des Produktrisikos, während Pretotypes und MVPs eher die Marktseite verproben.

Gleichzeitig unterscheiden sich die Vorgehensweisen auch in ihrem Aufwand. Pretotyping ist durch seinen brutalen Fokus auf Marktnachfrage deutlich weniger aufwendig als ein klassisches MVP, liefert jedoch auch weniger Erkenntnisse zu beispielsweise Nutzung oder User Experience. Da ein PoC nur Teilaspekte untersucht, ist er in der Regel mit weniger Aufwand verbunden als ein Prototyp des Gesamtsystems. Das führt uns zu folgender groben Einordnung:

Prototype vs. PoC vs. MVP vs. Pretotype

Vor der Entscheidung für ein (klassisches) MVP, Pretotyping, Prototyping oder einen PoC sollte die Frage beantwortet werden, welches Risiko gesenkt werden soll beziehungsweise welche Annahmen getestet werden sollen. Ist die Nachfrage unsicher, eignen sich MVPs und Pretotyping. Ist die Umsetzung unsicher, eignen sich PoCs und Prototyping.

Jetzt heißt es: anpacken!

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Timothy Krechel von tarent solutions

Timothy Krechel versetzt mit seiner Erfahrung als ehemaliger Startup-Gründer Innovator*innen in die Lage, ihre wertschöfendsten Ideen schnellstmöglich am Markt zu verproben.

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