Was ist Pretotyping und wie unterscheidet es sich von MVPs?
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Was ist Pretotyping und wie unterscheidet es sich von MVPs?

26.04.2022 Posted 4 Wochen ago Josua Waghubinger

In seinem Buch “INSPIRED” schreibt Marty Cagan, dass neue Produktideen vier verschiedenen Risiken unterliegen:

1. Value Risk: Ob unsere Kund*innen es kaufen oder die Benutzer*innen es nutzen werden.
2. Usability Risk: Ob die Benutzer*innen herausfinden können, wie man es benutzt.
3. Feasibility: Ob unsere Entwickler*innen das, was wir uns vorstellen, innerhalb der Zeit, mit den Fähigkeiten und der Technologie, die wir haben, umsetzen können.
4. Business Viability: Ob die Lösung auch für die verschiedenen Aspekte unseres Unternehmens geeignet ist.

Produktrisiken

Meistens erkennen wir schon in unserem Lean Canvas, welche Risiken auf uns warten. Vor allem bei neuen Produktideen ist meistens das Value Risk am kritischsten. Das heißt, ob das überhaupt jemand kaufen möchte.

Wir sind hier logischerweise von unseren potenziellen Kund*innen abhängig. Also warum sollten wir sie ignorieren? Wenn später niemand Interesse an dem Produkt zeigt, ist es egal, ob wir es bauen können, ob es einfach benutzbar ist oder geschweige denn, ob es sich für uns lohnt.

Dennoch wird die Frage gerne hinten angestellt oder schlimmer noch: Wir reden uns ein, dass wir “Daten” erhoben haben, zum Beispiel, indem wir unsere Kontakte gefragt haben, ob sie das Produkt “nutzen würden”. Auf ein “Klar” können wir uns leider nicht verlassen. Let me tell you …

Zu schnellen Ergebnissen mit Pretotypes

Wir wollen also schnell echte Daten darüber erheben, ob es wirklich Bedarf für unser neues Produkt gibt.

Typischerweise geht so ein Projekt direkt in die MVP-Phase über, um die Idee “schnell und günstig auf den Markt zu bringen”.

“Schnell und günstig” heißt dann gerne mal ein halbes Jahr Entwicklungszeit und -kosten für 3 Scrum-Teams.

Schon klar: Wir wollen so früh wie möglich Feedback vom Markt. Aber geht es nicht noch schneller und günstiger, um Ideen zu validieren? Können wir etwas launchen, ohne sechs Monate am MVP zu schrauben?

Ja, das geht. Deswegen stellen wir Dir Pretotyping vor.

“Pretotypes?”

Genau! Nicht Prototype, sondern Pretotype! (Google weist mich gerade beim Schreiben auch darauf hin, dass das ein Rechtschreibfehler ist. Noch ist Pretotyping also eher unbekannt.)

Pretotyping kommt von “Pretendotyping” und ist eine bewusste Mischung aus den englischen Begriffen “pretend” und “prototype”.

Produktideen schnell und günstig testen mit Pretotypes

Pretotypes sind eine smarte Kombination verschiedener Validierungsmöglichkeiten, um möglichst früh datengetriebene Entscheidungen zu ermöglichen – teilweise mit max. 100 Euro und innerhalb eines Tages.

Vergleich MVP Pretotype

Der Begriff wurde von Alberto Savoia erfunden. Er war der erste “Director of Engineering” von Google. Seit 2011 beschäftigt er sich mit dem Thema und hat 2019 ein Buch mit dem Titel „the right it“ darüber geschrieben.

Ich kann das Buch wärmstens empfehlen. Vor allem die verschiedensten Beispiele machen das Konzept sehr anschaulich.

Die Grundidee hinter Pretotypes: Statt Code zu schreiben, tun wir so, als gäbe es das zu entwickelnde Produkt bereits. So bekommen wir kein freundliches Beipflichten zu unserer Idee, sondern provozieren Kunden dazu, eine klare Kaufabsicht zu erklären.

Hier wird relativ schnell klar: Pretotypes haben das Potenzial, das “Value” Risiko zu testen, also, ob es wirklich einen Bedarf an unserer Idee gibt.

Tests nach Aufwand und Risikoart

Mein Kollege Timothy hat in seinem Blogartikel ”Prototype vs. PoC vs. MVP vs. Pretotype” die Vergleiche zwischen Pretotype, MVP, Protype und Proof of Concept zusammengefasst.

Mit Pretotypes sammelst Du schon also mit wenig Aufwand, vor der eigentlichen Entwicklung, Erkenntnisse über:
● die Zahlungsbereitschaft der Zielgruppe.
● Daten zu den Pirate Metrics, insbesondere Akquise und möglichem Umsatz
● die wichtigsten Features und Value Propositions, auf die es sich zu konzentrieren lohnt.

Pretotypes in allen Formen und Farben

Es gibt verschiedene Arten von Pretotypes:

Fake Door, Mechanical Turk oder Wizard of Oz, One-night Stand, Facade, YouTube oder Fundraiser, Infiltrator, Stripped-tease oder MVP, Pinocchio, Provincial, Imposter. Eine Komplettübersicht gibt’s hier von Alberto Savoia selbst.

Eine Variante möchte ich Dir genauer vorstellen, da sie sich besonders gut für das Testen von Softwareideen eignet.

Fake Door Pretotypes am Beispiel von Buffer

Ein Fake Door Experiment ist in der Regel nur eine Landing Page, die Dein Produkt beschreibt und so tut, als ob es bereits existierte. Die Seite lädt die Besucher*innen ein, eine Handlung zu vollziehen, z.B. Daten zu hinterlassen (für weitere Infos) oder das Produkt zu erwerben, BEVOR sie offenbart, dass das Produkt noch nicht fertig entwickelt ist.

Buffer ist ein großartiges Beispiel eines klassischen Fake Door Pretotypes.

Buffer hat eine Landing Page erstellt, auf der gezeigt wird, wie Benutzer*innen das Programm für Twitter-Automatisierungen nutzen können. Zusätzlich haben sie einen Button eingefügt, der zur “Pricing” Seite führen sollte. So konnte Buffer messen, wie viele Personen tatsächlich auf den Button geklickt haben.

Fake Door Pretotypes am Beispiel von Buffer 1

​​Sobald sie festgestellt haben, dass Interesse besteht, haben sie verschiedene Preisoptionen festgelegt und getestet, wie die Besucher*innen reagieren. So sahen sie nicht nur, ob die Leute tatsächlich daran interessiert waren, zu zahlen, sondern sie waren ganz nebenbei in der Lage, auch ihr Preismodell zu testen.

Um Enttäuschung vorzubeugen, hat Buffer direkt darauf hingewiesen, dass sie „noch nicht so weit sind“, aber unter Hochdruck an der Lösung arbeiten. Zusätzlich haben sie den Besucher*innen die Möglichkeit geboten, deren E-Mail Adresse zu hinterlassen, um informiert zu werden, sobald das Produkt verfügbar ist.

Wenn Du Deine potenziellen Kund*innen begeistern (oder zumindest nicht abschrecken) möchtest, könntest Du an dieser Stelle einen Rabatt-Code oder ein anderes Goodie anbieten. Die Erfahrung zeigt, dass die Leute viel seltener von einem solchen Experiment enttäuscht sind, wenn wir dabei transparent sind.

Fake Door Pretotypes am Beispiel von Buffer 2

Wenn Du Leute fragst, was sie denken, sagen sie Dir, was Du hören willst. Sie haben ja nichts zu verlieren. “Der Mund ist einfacher geöffnet als die Brieftasche.”

Mit einem Fake Door Pretotype bist Du also in der Lage, von Deinen Nutzern echtes Commitment abzufragen. So bekommst Du ein besseres Gefühl darüber, wie sehr sie Dein Produkt wollen. .

Dieses Commitment ist meist:
● Persönliche Daten, wie eine E-Mail-Adresse oder eine Telefonnummer
● Zeitaufwand, z.B. für eine Produkt-Demo, ein Follow-up oder ein Meeting
● Bezahlung in Form von echtem Geld, z.B. für Preorders oder eine Beauftragung

Commitment

Die Interaktionen Deiner potenziellen Nutzer*innen verwandeln sich in echtes Commitment und damit in messbare Werte. Umso höher diese Werte sind, desto mehr Zuversicht wirst Du bekommen.

Woher wissen wir, welche Ergebnisse gut sind?

Selten reicht eine Runde aus. Aber das macht nichts, denn Pretotypes sind genauso schnell angepasst, wie erstellt. Vielleicht willst Du etwas am Wertversprechen ändern oder vielleicht passt Du auch nur die Copy oder den Aufbau der Landing Page an.

Die Devise ist: Fake it until you … fake it more.

Am Ende jedes Pretotypes stehst Du vor der Frage, was Du als nächstes tun sollst:

a) Soll ich die Idee umsetzen?
b) Soll ich die Idee verwerfen?
c) Soll ich weiter iterieren, um mehr Daten zu sammeln?

Build abandon iterate

Wenn Du zuversichtlich bist, dass Du die Idee weiterverfolgen willst, stehst Du immer noch nicht vor der Entscheidung, tausende von Euros zu investieren.

Nach Deinem Fake Door Pretoytype kannst zu weitere Pretotype Arten nutzen, um schrittweise weitere Daten zu sammeln. Wie wäre es mit einem “Wizard of Oz” bzw. “Mechanical Turk” Pretotype, mit dem Du ein echtes Checkout auf Deine Landing Page packst und den Service hinter Deiner Idee händisch ausführst?

Hier siehst Du, dass der Übergang zum MVP fließend ist. Hat es funktioniert und die Leute waren von dem Service begeistert? Möglicherweise ist jetzt die Zeit gekommen, das eigentliche programmierte MVP zu entwickeln.

Lass uns das Richtige umsetzen, bevor wir es richtig umsetzen!

Durch einen Pretotyp lernst Du den Umgang Deiner Kund*innen mit Deinem Produkt so früh wie möglich kennen. Teste Dein Produkt heute, anstatt das Feedback monatelang mit der Umsetzung eines MVPs zu verzögern.

Starte mit etwas Einfachem. Warum nicht einfach eine Social Media Anzeige schalten und messen, wie viele Leute Deiner Zielgruppe darauf klicken?

Handfeste Daten, nicht Deine Intuition oder Meinung anderer, sollten bestimmen, ob Dein Produkt dem “Value” Risiko standhält.

Hast Du selbst schon mal mit Pretotypes experimentiert oder hast es vor?

Wir schauen uns gemeinsam Deine Ideen an und finden die besten Pretotypes, so dass Du schnell an belastbare Daten kommst, die Dir Zuversicht geben, dass sich das weitere Investment lohnt.

Melde Dich gerne per Mail: innovation-consulting@tarent.de

Dieser Artikel basiert auf unserem Pretotyping Event, das wir im April 2022 durchgeführt haben. Die vollständige Aufzeichnung findest du hier!

Schau doch gerne bei LinkedIn vorbei, um beim nächsten kostenlosen Event dabei zu sein!

Josua Waghubinger

Josua Waghubinger ist Senior Innovation Consultant bei tarent und weiß: unsere Welt ist komplex genug. Die richtige Methode und Kommunikation zu kennen hilft, Ordnung zu schaffen – vor allem bei Innovation.

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